Archiv für den Monat: Juni 2011

Nordstadt Bashing

von willbee.de

Nachdem die Nordstadtschelte auch an mir nicht spurlos vorbei ging, habe ich mich entschlossen, diesem Stadtteil einen Artikel zu widmen. Allein was das Satireblatt BILD an Negativmeldungen angesammelt hat, ist erschreckend und bedarf dringend einer Gegenöffentlichkeit. Die Berichterstattung des WDR ist auch nicht wesentlich ernster zu nehmen. Immer wieder ist die Rede von den bösen Rumänen und Bulgaren, die die Häuser in der Nordstadt illegal besetzen würden und dort unter prekären Bedingungen leben. Das entspricht rein faktisch sogar der Wahrheit, nur verkaufen die Medien diesen Fakt als große Bedrohung für Dortmund und seine Nordstadtbewohner, weshalb es zu drastischen Konsequenzen in Bezug auf die Ordnungsmacht in der Nordstadt kam. Man begnegnet dem Problem mit Macht – die Präsenz der Polizei und striktes Durchgreifen des Ordnungsamtes sowie die rechtliche Schließung des Straßenstrichs sind die politischen Auswirkungen der Hetze, die nicht nur die Medien betrieben haben, sondern auch Initiativen, denen es nicht zu schade war, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen.

 

Mediale Schelte

Dass die Nordstadt von Problemen verfolgt wird, ist ja überhaupt nicht wegzudiskutieren. Eine hohe Arbeitslosigkeit und ein sehr negatives Image für Außenstehende prägt die Innenstadt-Nord. Doch damit nicht genug – wenn es um die Nordstadt geht, wird immer wieder auch die hohe Ausländerquote genannt und somit indirekt als Problem und manchmal sogar auch als Grund für die Probleme des Stadtteils dargestellt. Die mediale Angstmache und die sehr bescheidene Verbindung von zwei Tatsachen – Kriminalität & Ausländer, die erst einmal überhaupt nichts miteinander zu tun haben aber in sehr vielen provinziellen Köpfen durchaus Sinn machen, fördert eine zunehmende Kriminallisierung von erstens Ausländer ansich und zweitens provoziert es einen Angstraum, der da Nordstadt heißt. Von Horror-Häusern und sogenannten Balkan-Clans ist die Rede und suggeriert, dass Rumänen und Bulgaren dafür verantworlich sind, die Häuser vermüllt zu haben. Dass die Häuser schon jahrelang auf Grund von Immobilienspekulationen leer stehen und jeder diese betreten kann, vergisst man dabei schnell. Auch das Eigentümer in der Pflicht sind Grundstücke und Immobilien nicht verkommen zu lassen, vergisst die Öffentlichkeit sehr schnell, wenn ihr Schlagwörter wie Balkan-Clans oder BILD auf Streife im schlimmsten Viertel des Reviers als Erklärung serviert wird.

Folgen der EU Politik

Was die vielen Bulgaren und Rumänen in der Nordstadt versuchen ist erstmal anzukommen und ein wenig Geld zu machen. Politisch ist es doch gewollt, dass sich Europa aneinander annährt. Eine Folge der Aufnahme Bulgariens und Rumäniens in die EU ist die Öffnung der Grenzen, die ermöglicht, dass bspw. ein Deutscher nach Bulgarien und Rumänien gehen kann und dort selbständig arbeitet, Firmen gründet, billige Arbeitskräfte einstellt, profitiert und genauso umgekehrt. Kriminell ist an diesem Vorgehen nichts. Bezüglich der Häuser konnten sich die Bulgaren nicht unbedingt den größten Standard in deutschen Verhältnissen leisten, weshalb sie nach günstigen Behausungen suchten und scheinbar ja auch durch ortsansässige Vermieter oder selbsternannte “Nordstadt-Fans” fündig geworden sind. Auch wenn ihre Lebensverhältnisse für unser Auge präker sind, so ist es in ihren Augen noch wesentlich besser als aus den Orten, aus denen sie kommen. Sie haben sich mit der Lage hier arrangiert: ausbäuterische Preise für einzelne Zimmer und sogar Betten durch illegale Vermietungen, kein staatliches Sozialnetz, keine Krankenversorgung, unterdurchschnittlicher Lohn für halblegale Tätigkeiten auf dem Bau.
All diese Unsicherheiten nehmen diese Menschen in Kauf, um ein wenig Geld zu sammeln und wieder zurückzufahren. Das Problem ist nur, dass unsere Gesellschaft solch ein Leben nicht duldet und es somit als illegal verdammt. Der Sozialstaat beißt sich in den Schwanz. Wer die sozialen Standards in diesem Land nicht aus eigener Tasche zahlen kann, dem hilft das Land mit dem Aufpeppelprogramm Hartz IV mit üppigen Geldern und einem aufwendigen Arbeitsbeschaffungsprogramm wieder auf die Beine. Wer aber kein Recht auf Sozialleistungen hat, dem kann auch nicht geholfen werden. Das obskure daran ist, dass man somit indirekt gezwungen wird Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, denn ein Leben unter diesem Standard wird nicht tolleriert. Der Sozialstaat ist kein echter Sozialstaat, wenn er nicht jeden Menschen gleich behandelt.

Straßenstrich

Der Dortmunder Straßenstrich wurde am 17.05.11 geschlossen. Es war die Rede vom Dortmunder Modell und man schmückte sich mit der Installaltion der Sicherheitsboxen im Dortmunder Norden kurz vor der WM 2006. Man wollte die Sicherheit der Prostituierten gewährleisten, indem man ihre Arbeit auf einen Raum konzentrierte. Somit konnte die Polizei schnell präsent sein, die Frauen kannten sich untereinander und die kirchennahe soziale Organisation Kober half den Frauen vor Ort. Nun zerschlägt man dieses Modell mit aller Härte mit der Begründung der Überfüllung. Für mich ergibt das keinen Sinn. Man schließt den Straßenstrich, weil er zu voll geworden ist -> Was ist denn die direkte Folge der Schließung des Strichs? Die Auflösung der Prostitution? Wohl kaum…das Video des WDR weist auf eventuelle Folgen für die Frauen und die sind nicht gerade rosig.

Lebendiges Pflaster Nordstadt

Heute läuft die internationale Woche in der Nordstadt aus, in der es wieder viele Straßenfeste, Konzerte, Aktionen für Kinder und multinationale Veranstaltungen gab. Den Auftakt machte das Münsterstraßenfest -> siehe Video. Man kann jetzt schon sagen, dass sie ein voller Erfolg war. Doch das gute an der Nordstadt ist, dass es keine geplanten Feste braucht, um den Stadtteil zu beleben. Wo vielerorts die Bürgersteige schon hochgeklappt sind, kann man sich sicher sein, in der Nordstadt noch was erleben zu können. Das mag der ein oder andere ja als störend empfinden, doch das ist der Charme, der dieses Viertel ausmacht. Nicht nur Studenten wissen das zu schätzen, auch die vielen Kreativen, die man sich so sehnlichst herbeiwünscht, ziehen solchen Rahmenbedinungen an.

Der Dortmunder Norden ist traditionelles Arbeiter- und Vergnügungsviertel. Wer Ruhe haben will, sollte sich lieber im Kreuzviertel oder gleich in Hombruch niederlassen. Das soll nun hier keine Aufforderung sein, die Ordnungshüter abzuziehen und Anarchie walten zu lassen. Nein, vielmehr gilt mein Aufruf an die verantworlichen Planer und Politiker die Nordstadt endlich differenziert zu betrachten, um differenziert auf Chancen und Gefahren einzugehen. Ein polyrationales Handeln wäre hier, wie überall anders, erwünscht. Der Knüppel und Verbote allein wreden die Nordstadt nicht sicherer machen. Dazu gehören mindestens noch die Einbindung der Eigentümer und Ladenbesitzer, die den Wettbewerb verfolgen sowie die Rücksprache mit der hiesigen Bevölkerung (alle Gruppen) durch ganz konkrete pragmatische Konfliktlösungsmaßnahmen.  Das ist immer leicht daher gesagt, nichtsdestotrotz führt an solchen Maßnahmen kein Weg dran vorbei, wenn man Ursachen ergründen und nicht nur Symptome bekämpfen will. Wäre die WM 2006 nicht in Deutschland ausgetragen worden, hätte es nie einen Straßenstrich in Dortmund gegeben. Hätten Prostituierte eine politische Stimme in dieser Stadt, wäre der Strich nie geschlossen worden.

Abstimmung Ruhrnachrichten

Zum Schluss noch eine Abstimmung auf der Hompage der Ruhrnachrichten zum Thema Schließung des Straßenstrichs:

1. Richtig so. Mit dem Straßenstrich sind viel zu viele Probleme verbunden.
-> 46,25%

2. Eine falsche Entscheidung – das Problem wird sich verlagern.
-> 46,87%

3. Mir ist das egal.
-> 6,88%

Gesamt 3838 Stimmen